„ Wissenschaftlern wird manchmal unterstellt, sie lebten in einem Elfenbeinturm – abgehoben von den Niederungen des Alltags und den Niederungen der Politik. Entrückt zu sein, hat aber manchmal sein Gutes. Die Wissenschaft muss frei sein von Einflussnahmen, die sie korrumpieren könnten. Sie gehorcht einer anderen Logik als die Politik, und sie muss diese Logik, ihre Regeln und Prinzipien, schützen. Im Guttenberg-Skandal geriet der Elfenbeinturm ins Wanken. Am Ende hielt er stand. Guttenberg fiel. Guttenbergs Fall ist ein Sieg der Wissenschaft. “
„ Ich brauche frische Luft, um den Kopf frei zu bekommen, und weichen Waldboden unter den Füßen, der bei jedem Schritt leicht nachgibt, mich dadurch mein Gewicht spüren lässt und meine eigene Präsenz. Ich bin noch da. Ich lasse mich nicht unterkriegen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit Schulmedizinern aneinandergerate, und es ist auch nicht so, dass ich sie nicht verstehen würde. Schließlich bin ich selbst von Haus aus Schulmediziner und kann ihre Zweifel nachvollziehen – hatte ich sie selbst doch am Anfang und habe sie zuweilen immer noch. Was ich nur schwer nachvollziehen kann ist die Verschlossenheit, Arroganz und Borniertheit, die einige meiner Kollegen an den Tag legen. Sie tun so, als wäre das westliche System der Medizin das einzig wahre. Dabei ist es relativ jung. Sie wollen nicht sehen, dass sich auf der anderen Seite der Welt über Jahrtausende ein anderes System der Heilung entwickelt hat, das einfach ganz anders an medizinische Probleme herangeht und das ebenfalls erfolgreich ist. “
„ An seinem ersten Tag im Internat macht sich Wolfgang abends im Schlafsaal mit 78 anderen Kindern fertig zum Schlafengehen. Er steht auf seinem Bett, rings herum die anderen Kinder, alle fremd, alles neu, und stellt fest, dass er sein Schlafhemd – Schlafanzüge sind nicht erlaubt – falsch geknöpft hat. Ein Pater tritt lächelnd heran, ,lass dir helfen, Bub’, sagt er väterlich und knöpft das Hemd richtig, von oben nach unten. Unten angelangt greift er Wolfgang an den Penis und streichelt ihn. Wolfgang stößt die Hand zurück und brüllt in den Schlafsaal hinein: ,Das ist ein Schwein! Das ist ein Sittlichkeitsverbrecher!’
So hat es Wolfgang, der von seiner Mutter früh über sexuelle Dinge aufgeklärt wurde, gelernt: Wenn fremde Männer einen anfassen, schreit man. Aber seine Mitschüler um ihn herum starren ihn nur verständnislos an. Der Pater zuckt zurück, reckt seinen Hals und verlässt den Schlafsaal. Von nun an hat Wolfgang es schwer am Internat im Kloster Ettal. “
„ Wir müssen unsere demokratischen Überzeugungen wieder neu für uns entdecken, bevor wir den zweiten, ebenso wichtigen Schritt gehen können: sie in die neue Zeit übersetzen. Eine Zeit, in der der Nationalstaat seine Macht heimlich, still und leise verloren hat; in der Bürger sich unter- und überfordert zugleich fühlen und die Politik ihre neue Rolle noch nicht gefunden hat; in eine spannende Zeit, die zuweilen aber bedrohlich wirkt. Die Politik wird ihrer Verantwortung derzeit nicht gerecht. Wir Bürger bekommen Antworten nur auf Fragen, die sich schon wieder erledigt haben. In der Zwischenzeit werden neue Fragen überhört. Die Gesellschaft verändert sich, die Regierenden verharren in altem Denken und alten Strukturen – nicht unbedingt aus bösem Willen, sondern weil es eben immer so war. Aber das ist falsch gedacht. “
„ Es war eine Taktik der Täter, ihren Opfern nur Nummern oder beleidigende Beinamen zu geben, um damit selbst Abstand von den Ereignissen zu bekommen und die Opfer zu entpersonalisieren. Dieses Buch versucht genau das Gegenteil. Ich bin fest davon überzeugt, dass man den Schmerz der Kinder und Enkel, ihre Widersprüche, ihre Konflikte, ihr Bedürfnis nach Nähe, ja, sogar ihre Liebe zu den Menschen, die sie widerrechtlich aufzogen und ihnen die Wahrheit vorenthielten, nur verstehen kann, wenn man sie kennenlernt und ihnen zuhört. Dann kann man auch ihre Wut und ihre Empörung über die Lügen verstehen, von denen sie so lange umgeben waren.
Manche der Schilderungen in diesem Buch mögen schmerzhaft und insbesondere für die argentinische Gesellschaft schwer zu akzeptieren sein. Sie geben jedoch von der ersten bis zu letzten Zeile das wieder, was mir meine Gesprächspartner berichtet haben.
All dies ist vor gerade einmal dreißig Jahren in Argentinien geschehen.“